Geistlicher Impuls

Monatsspruch für den Monat Oktober

Wie es dir möglich ist: Aus dem Vollen schöpfend - gib davon Almosen! Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben!

Liebe Gemeinde,
es kommt sehr selten vor, dass ein Monatsspruch aus den apokryphen Büchern stammt. In unserer Kirche werden diese „verborgenen Texte“ selten benutzt. Obwohl Luther durchaus davon überzeugt war, dass es gut und nützlich sei, diese zu lesen, sind sie dennoch nur im „Anhang“ mancher Bibeln abgedruckt.
Das Buch Tobias erzählt vom frommen Mann Tobit, der aus der Heimat vertrieben, erblindet und in seiner Not Gottes Hilfe durch den Erzengel Raphael erfährt und schließlich auch sein Augenlicht zurück erhält. Nie hatte er an Gottes Güte gezweifelt. Tobit gibt diesen (Monats-)Spruch als Vermächtnis an seinen Sohn Tobias weiter: Das, was möglich ist, sollen wir weitergeben, verschenken, Gutes tun – nicht mehr aber auch nicht weniger. Und Tobit meint, es ist immer was möglich, auch wenn man scheinbar wenig besitzt. Almosen sind ja ohnehin nur kleine Gaben; daran etwa noch sparen?
Ich möchte diesen Begriff nicht nur auf Geldspenden einengen. Es geht auch um andere Gaben. Zum Beispiel um Zeit, wirkliches Zuhören, Wertschätzung, das Suchen nach Fähigkeiten und Hoffnungsschimmern in einem scheinbar verwirktem Leben. Hier im Gefängnis ist das eine tägliche Herausforderung. Wie kann ich Jemandem menschenwürdig entgegen treten, der andere Menschen der Würde oder gar des Lebens beraubt hat? Ich habe Biografien kennengelernt, die mich das Gruseln hätten lehren müssen und ehrlich gesagt, manchmal auch haben. Aber wer bin ich? Ich bin Gott sei Dank kein Richter, sondern habe den Auftrag Gefangenen das Evangelium zu predigen. Also die jeden Menschen betreffende Botschaft, dass Gott uns Menschen geschaffen und lieb hat – trotz allem, was wir angerichtet haben. Freilich – und das sage ich immer dazu – ich muss mich auch von Gott lieben lassen wollen; ihn als meinen Schöpfer anerkennen. Das Gefängnis bietet in seinen starren Grenzen auch Chancen, Gott zu finden oder wieder zu finden. Hier ist Zeit im Übermaß vorhanden, Zeit zur Reflexion und Korrektur des Lebens. Trotzdem: ich bin kein Träumer – es sind bestimmt nur wenige, die diesen Weg suchen.
Jeder kann nur für sich seine Antwort auf den christlichen Glauben finden. Nicht jeder ist so ein Held wie Hiob, von dem der Novemberspruch stammt. Wir kennen bestimmt seine Geschichte. Alles wird ihm genommen; Gut, Ehr, Kind und Weib! Trotzdem lässt er sich nicht beirren durch Einreden seiner Freunde. Er kann dennoch voller Überzeugung sagen: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Hochachtung! Wie wir wissen, wird auch er am Ende reichlich belohnt, so schildert es das Buch Hiob. Nun, ich muss sagen, dass ich ehrlich gespannt bin, wie sich das Ende – oder besser der neue Anfang – dermaleinst gestaltet. Was hält Gott für mich bereit? Und was für Sie? Lassen wir uns überraschen und trotz vielleicht misslicher Umstände, die uns betreffen mögen, von Hiobs und Tobits Gottvertrauen anstecken.
In diesem Sinne grüßt Sie vielmals und wünscht Gottes Segen

Pfarrerin Angela-Beate Petzold