Geistlicher Impuls

Monatsspruch für den Monat Oktober

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. Psalmen 38,10

Liebe Gemeinde,
zum Geburtstag erhält ein Jubilar allerlei Blumen und Geschenke, gute Wünsche und Gratulationen. Und umgekehrt wird er oft nach seinem Wohlergehen befragt. Eine Antwort ist dann häufig zu hören: „Ich kann mich nicht beklagen“. Das hört man gern und übersetzt es im Kopf vielleicht so: „Es gibt nichts zu beklagen – eitel Sonnenschein wäre sicher übertrieben, aber alles läuft gerade ganz gut.“ Und weil es das ist, was man dem Jubilar wünscht, freut man sich über diese Antwort.
Erst kürzlich kam mir der Gedanke, dieser Satz könnte auch anders verstanden werden. Denn gerade im Vergleich mit anderen Kulturen, haben wir ein schwieriges Verhältnis zum Klagen. Es gibt nur wenige Menschen, denen wir erzählen, was uns bedrückt und in manchen Situationen findet sich niemand, dem man sagen kann, welche Schwierigkeiten man hat. „Ich kann mich nicht beklagen.“ hieße dann: „Ich habe es nicht gelernt mich zu beklagen.“ oder „Ich vermag es nicht zu klagen.“
Fragt man sich nun, warum wir uns zwingen, so wenig wie irgend möglich zu klagen, findet man viele Gründe. Vielleicht sollen Sorgen, Schwierigkeiten und Probleme einfach keine große Rolle spielen. Man erinnert sich nicht so gern an sie. Vielleicht will man sie dem anderen aber auch einfach nicht zumuten.
Es doch genug, wenn sich einer damit rumschlägt. Man will andere nicht mit dem eigenen Kram belasten. Oder ist es vielleicht sogar gefährlich, sich in unserer Gesellschaft Schwäche einzugestehen und zu benennen? Man feilt an einer makellosen Fassade und stellt sich ungern selbst bloß.
Die Gründe können ganz unterschiedlich sein und jede und jeder stellt sie sich selbst zusammen oder fügt eigene hinzu. Jedenfalls spricht vieles dafür nicht zu klagen. Jammern ist verpönt. Aber manche Probleme können wir allein nicht lösen. Sie weichen nicht mit der Zeit und drücken nach einer Weile heftiger auf das Herz. Dann sucht sich das Beklagenswerte doch seinen Weg. Dann seufzen wir fast ungehört. Dieses Seufzen ist die sanfteste Form des Klagens und lässt sich nicht unterdrücken. Für uns, die wir gelernt haben auf die Zähne zu beißen und stark zu sein, ist es ein Ventil. Scheinbar ungehört und doch Gott nicht verborgen. So bekennt es der Monatsspruch für den Oktober: „Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.“
Ich finde, das sind ganz besondere Worte. Denn sie nehmen nichts von meiner Not weg, aber sie lassen mich damit auch nicht allein. Und vielleicht können sie so auch zu Ihren Worten werden, wenn Ihnen das nächste Mal zum Klagen zumute ist oder sich ein Seufzer leise seinen Weg bahnt. So mag er dazu helfen, dem Beklagenswerten im Leben einen angemessenen Platz zu geben.
„Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.“ Amen.

Pfarrer Marcus Baumgärtner