Geistlicher Impuls

Monatsspruch für den Monat Dezember

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. Matthäus 2,10

Liebe Gemeinde,
weder Kosten noch Mühen habe ich gescheut, um diese schöne Buchmalerei für die erste Seite unserer Kirchennachrichten zu bekommen. Sie befindet sich in ei-nem Gebetsbuch, das im 15. Jahrhundert in Nordfrankreich geschrieben und reich verziert worden ist. Auf den ersten Blick ein Weihnachtsbild wie viele andere auch: Maria und Josef, das Kind, der Stall, Ochs und Esel – was eben so zu einer Krippe gehört.
Ein paar Dinge sind diesmal aber anders als sonst: Maria sitzt in einem ordentlichen Bett. Sie liest andächtig ein Buch, und Josef, ihr Mann, hält und wiegt das Kind. Sein Gewand ist blau, eine Farbe, die in der Malerei sonst eigentlich immer die Kleidung Marias hat. Josefs Farbe ist eher das Rot, so wie bei dem Tuch auf Marias Bett.
Verkehrte Welt, und das auch noch ausgerechnet zu Weihnachten? Ich muss an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass es sich nicht um eine Fotomontage handelt. Das Bild ist echt. Warum sollte es das auch nicht sein? Weil »früher« Frauen nicht lesen und schreiben lernen durften und konnten? Weil »früher« die Kinderbetreu-ung keine Männersache war?
Inzwischen ist das anders. Und das ist auch gut so! Aber auch heute noch haben Mädchen in vielen Ländern der Erde nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen, um lesen und schreiben zu lernen. Und auch heute sind es meist die Frauen, die sich um den Haushalt und die Kinder kümmern und dafür auf Bildung und Beruf verzichten. Nach wie vor gibt es Menschen, die von einer anderen, einer gerech-teren Rollenverteilung zwischen Mann und Frau nicht sehr viel halten – übrigens auch in der Kirche.
So spiegeln sich in dieser Buchmalerei bewusst oder unbewusst die Veränderun-gen in unserer Gesellschaft. Was scheinbar »schon immer so« war, ist es auf einmal nicht mehr. Nicht jede und jeder findet das gut. Nicht jede und jeder kommt damit zurecht. Das Weihnachtsfest ist sicher einer der Anlässe im Jahr, wo Menschen sich ganz gerne zurücksehnen in die vermeintlich »gute alte Zeit« – nicht nur auf den mittelalterlichen Weihnachtsmärkten, die sich großer Beliebtheit erfreuen.
Das Beruhigende aber ist: Weihnachten wird es trotz aller Veränderungen. Weil das, worum es bei diesem Fest geht, nicht von den äußerlichen Umständen abhängt, unter denen wir leben. Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist geboren – egal, wer nun zu Hause kocht oder die Kinder betreut (nicht nur zu Weihnachten) und wie wir selbst oder andere Leute das finden. Um nur ein Beispiel zu nennen.
»Nichts ist so stetig, wie der Wandel«, sagt ein Sprichwort. Die Dinge werden sich immer ändern. Das liegt in der Natur der Sache. Was bleibt, ist die Botschaft des Weihnachstfestes: »Euch ist heute der Heiland geboren!« Und vielleicht ist das ja sogar ein Grund, manches anders zu sehen und zu machen als bisher. Vielleicht sind viele der Dinge, die sich mit der Zeit ändern, am Ende gar nicht so wichtig und so entscheidend, wie wir immer denken. Jesus jedenfalls ist flexibel. Er hat sich als Kind auch in Josefs Armen wohlgefühlt.
Ein frohes und gesegnetes Christfest wünscht Ihnen

Pfarrer Dr. Kay Weißflog