Geistlicher Impuls

Monatsspruch für den Monat Dezember

Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. Jesaja 50,10

Liebe Gemeinde,
in diesem Jahr ist es mir besonders aufgefallen. Als wir Ende Oktober die Uhren umstellten, fühlte sich mein gewohnter Alltag plötzlich anders an. Die Abendstunden, die ich bisher immer noch genießen konnte, waren schlagartig verdunkelt. Und wie in den letzten Jahren auch, wurde wieder über den Sinn der Zeitumstellung diskutiert. Sollte sich da nicht etwas ändern?
Naja, wahrscheinlich ist das nicht so wichtig. Denn das eigentliche Problem lässt sich ja doch nicht ändern: Es wird dunkler. Die meiste Zeit des Tages müssen wir ohne natürliches Licht auskommen. In der Dunkelheit erkennt man erst die Schönheit der langen Sommertage. Doch Dunkelheit ist nicht nur ein äußeres Phänomen. Das Fehlen des Lichts kann auch ein inneres Erleben sein – wenn mir die Kräfte fehlen, es mir am Antrieb mangelt etwas anzufangen, Betrübnis und Ärger mich im Griff haben. Diese innere Finsternis ist viel tiefgreifender als die äußere. Denn während wir in dunklen Räumen das Licht anknipsen und höchstens noch warten müssen bis die Energiesparlampe ihre Leuchtkraft entfaltet hat, gilt das für unsere Seele nicht. Der inneren Finsternis entkommt man nicht so schlagartig. Das ist eine Erfahrung, die die gesamte Menschheit teilt, über Jahrhunderte hinweg. Keine Erfindung konnte uns diese Erfahrung nehmen.
In der Adventszeit greift die äußere Dunkelheit immer mehr um sich. Die Tage werden immer kürzer, bis wir um das Weihnachtsfest herum die dunkelsten Tage des Jahres erreichen. Dann sind wir ganz bei den Hirten auf dem Feld, die des Nachts ihre Schafe hüteten. Die Weihnachtsgeschichte führt uns gerade zu ihnen, den Mittellosen und Entmutigten. Die nicht nur in der Dunkelheit arbeiten müssen, sondern auch sonst in ihrem Leben wenig Licht sehen. Doch in diese nicht enden wollende Nacht bricht Gottes Licht. Es erhellt nicht nur das Feld um die Hirten herum, sondern prägt sie bis in ihr Innerstes. Mit ihnen erwarten wir Gottes Licht. Wann das uns merklich erreicht – wann die Dunkelheit dem Licht weicht, das ist nicht leicht zu bestimmen. Die folgende Geschichte versuchte eine Antwort zu geben.
Ein Rabbi fragte seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. Die Schüler fingen an zu rätseln und den Zeitpunkt zu beschreiben, in dem man Dinge ohne fremdes Licht erkennen kann. Doch der Rabbi schüttelte den Kopf und beantwortete schließlich seine Frage selbst: „Es wird Tag, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und in ihm deinen Bruder oder deine Schwester erkennst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“
Zu Weihnachten feiern wir Gottes Licht in unserer Welt. Diese Lichtwerdung beschreibt ein Beziehungsgeschehen – zuerst ein Beziehungs
geschehen zwischen Gott und mir. Er kommt zu mir. Doch dieses Geschehen bleibt nicht zwischen uns allein. Diese Begegnung schickt mich los – zu Menschen, die ich zuvor nicht (oder nicht richtig) kannte, wie die Hirten, die damals aufbrachen in den Stall.
Machen wir uns mit ihnen auf den Weg.

Pfarrer Marcus Baumgärtner